Zu Nacht und Unzeit: Eine seltsame Regatta im Sturm

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EDIT: Bevor nun wieder kommt, wie man denn in solch schlimmen Zeiten einen fröhlichen Artikel platzieren könne, möchte ich sagen: Gerade jetzt! So möchten wir dazu beitragen, die Zeit bis zur sicherlich verspätet startenden Saison etwas angenehmer zu verbringen. Stegfunk.de ist normalerweise eine Newsseite, Reportagen gehören hier eigentlich nicht hin. Dennoch: Viel Spaß beim Lesen dieser Ausnahme und bleibt gesund!

Das Nacht en Ontij Race führt jedes Jahr am letzten Oktoberwochenende von Harlingen nach Terschelling. Dabei handelt es sich um eine bemerkenswerte Veranstaltung. Durchaus sportlich und gleichzeitig herrlich chaotisch. Und dann kam der Sturm….

„Ihr wisst ja, bei sechs Beaufort dürft ihr nicht mehr auslaufen und es ist viel Wind gemeldet dieses Wochenende“ mahnt der Vercharterer bei der Übergabe der Dehler 38 am Freitag morgen. „Jaja“, ist die logische Antwort. Wir kennen uns schon lange und dass ich die Boote bislang intakt retour gebracht habe, ist hinlänglich bekannt. Darum dürfen wir überhaupt los. Absichern muss er sich allerdings. Verständlich. Von Waterland Yachtcharter in Monnickendam soll es nach Harlingen gehen. Ein ziemliches Stück Segelarbeit, aber auf einem schnellen Schiff wie der Dehler durchaus machbar.

Mit dabei sind Karsten und Basti, die beide segeln können und Roy, der zum zweiten Mal überhaupt segelt. Ach ja und ich. Alex. Ich segle schon etwas länger. Wir sind gespannt und besorgt zugleich. Was wird es werden? Zuerst ein recht angenehmer Trip über Marker- und IJsselmeer und schließlich ein Stück übers Watt. Wir biegen gerade in den Hafen von Harlingen ein, da kommen die ersten heftigen Böen. Die SAS-Brücke lässt uns schnell durch, der Norderhaven ist aber voll. Gut, dann eben nach Steuerbord in den Zuiderhaven. Den kenne ich auch und wir finden ein Plätzchen. Zeit fürs erste Bier.

Es dämmert schon, als wir die Schleuse Konrwerderzand passieren

Wir gehen zum Palaver, der Vorbesprechung der Regatta. Piet Paulusma, ein in Holland allbekannter Fernseh-Wetterguru, der auch gerne mal ein Bierchen trinkt, berichtet von den Vorhersagen. Ob die Regatta startet? Unklar. Regattaoberdompteur Pieter Aukema gibt eine launische Rede. Wie jedes Jahr. Zuversichtlich, konzeptlos und witzig. Aha. Die Party will nicht so recht in Gang kommen, obwohl die Band wirklich gut ist. Die Aussicht auf Windstärke 8 bis 9 am nächsten Tag lässt selbst die sonst grundentspannten Holländer vorsichtig werden.

Der nächste Morgen. Nach dem Aufstehen erstmal Kaffee und den dringend benötigten Code für das WC-Gebäude im Hafen herausfinden. Ein Blick auf den Windmesser verrät 10 Knoten, Windstärke 3. Wir fahren! Allerdings: Zu früh gefreut! Die Regattaleitung sagt erstmals in der Geschichte das Nacht en Ontij Race ab. Nach Rücksprache mit den Experten vom Brandaris auf Terschelling, der Verkehrzentrale für die westliche Wattensee habe man sich dazu entschließen müssen. Zu viel Wind. Eine gute Entscheidung, wie wir später sehen werden.

Im Hafen geht die Frage rum: Trotzdem fahren? Bei uns steht fest: Wir steuern Terschelling an. Schließlich ist der Tisch im Restaurant Heksenketel gebucht. Da muss man ja quasi fahren. Wir wissen, was uns erwartet, wir (ich) kenne das Schiff und die Gewässer gut, wir bereiten alles sorgfältig vor und fahren mit 12 Knoten Wind im Hafen los. Alle im Ölzeug, alle mit Westen und einem klaren Plan: Mit dem Südwestwind raumschots nach Terschelling nur auf der Fock. Das sollte gehen. Wir sind alle ausgeschlafen und haben lecker gefrühstückt und das Schiff ist in ausgezeichnetem Zustand. Also los. Das Abenteuer ruft.

Direkt hinter der Ausfahrt von Harlingen kriegen wir ordentlich Wind über die Mütze. Eine gute 7 ist das. Aber aus der richtigen Richtung. Vorsichtig rollen wir die Fock zum Teil aus. Mit ablaufendem Wasser geht es zweistellig über Grund Richtung Blauwe Slenk. Die Nervosität der ersten Minuten weicht einer konzentrierten Aufmerksamkeit. Das macht sogar Spaß. Es läuft. Nach einer Weile biegen wir in den West Meep ein.

Das wäre die Strecke der Regatta gewesen…

Dort läuft der Ebbstrom gegen den Wind. Wind gegen Welle. Nicht gut. Ein echtes Tohuwabohu aus stehenden Wasserbergen und einem Schiff, das ungestümt vorprescht. Da steckt viel Kraft drin. Es klatscht. Spritzwasser kommt über und wird gleich weggeweht. Basti steuert und grinst. 12,7 Knoten druchs Wasser im Surf. Da sind zweieinhalb Knoten Strom egal. Die nächste Welle kommt, hebt das Schiff an, ein bißchen abfallen, Power….und los geht´s. Dabei bleibt die Dehler stets Herrin der Lage. Toll. So könnte es weitergehen. Allerdings: Das Schiff einigermaßen auf Kurs zu halten ist eine Herausforderung. Wenn hier noch 120 weitere Schiffe um uns herum wären, ließe sich dramatischer Bruch wohl kaum vermeiden. Die Entscheidung die regatta abzusagen, wie gesagt, war genau richtig.

Will man auf die Insel, heißt es irgendwann über Backbord abbiegen in den Slenk. Ein ganz enges, gewundenes Fahrwasser, das mit viel Baggerarbeit auf Tiefe gehalten wird, sodass Terschelling zu jeder Zeit erreichbar bleibt. Das Problem: Von Raumschots ändert sich der Kurs auf am Wind. Das sorgt für Krängung. Die Holepunkte nach achtern, das Vorsehel entlüften hilft. Aber ein paar beinahe-Sonnenschüsse waren schon dabei. Nicht gut in einer schmalen Fahrrinne, bei der rechts und links Sandbänke liegen. Besonders nicht gut, wenn das Wasser abläuft, denn dann kommt man nicht mehr los, wenn man sich im Sand festfährt. Aber: Wir schaffen es die Dehler im Griff zu halten und laufen schließlich in den Hafen ein.

Gleich untief neben dem Tonnenstrich: Der Slenk

Dort sind einige wilde Anlegemanöver von anderen Trotzdem-Fahrern im Gange. Alle versuchen nach Luv an den Steg zu gelangen. Auch wir. Doch die Dehler will nicht durch den Wind mit dem Bug, zu stark weht es in den offenen Hafen hinein. Ok, dann nicht. Ganz sachte lassen wir sie in Lee in alle verfügbaren Fender sacken. Das geht gut. Am nächsten Morgen soll der Wind nachlassen und wir kommen dort hoffentlich wieder weg. Doch zuerst einen Anleger, also Bier und Schnapps. Zu erzählen und zu trinken gibt es genug an Bord. Schließlich kommt auch das große Schiff der Wettfahrtleitung im Hafen an. Im Frachtraum des umgebauten Binnenschiffs entsteht spontan eine Party. Das Heineken fließt in Strömen. Dann gehen wir essen und ins Bett. Das war kernig. Und der nächste Tag hat es nicht minder in sich.

Und schon war die Party im Gange…Grolsch war auch dabei. Und ein Carbon-Spibaum in seinem zweiten Leben

Der Sonntag weckt uns mit 6 Beaufort, in Böen mehr. Allerdings hat der Wind wie vorhergesagt auf West gedreht. In einer Böenpause legen wir ohne Kollateralschaden ab und machen uns auf den Weg nach Enkhuizen. Immerhin 50 Seemeilen. Da im West Meep gegen auflaufendes Wasser an Kreuzen nicht zu denken ist, kämpfen wir uns unter Maschine gegen Wind und Strom bis ins Fahrwasser, das nach Süden abbiegt. Dort kommt die Fock zum Einsatz. Im Schweinsgalopp erreichen wir Harlingen und kämpfen uns immer mehr Höhe kneifend die Boontjes nach Kornwerderzand hoch. Auch das gelingt.

Hinter der Schleuse erwarten uns Traumbedingungen: 22 Knoten Wind aus West. Knapp halber Wind auf unserem Kurs genau nach Süden

also. Da kann die Dehler gut getrimmt sogar Vollzeug tragen. Und sie dankt es mit satten 9 Knoten auf der Uhr. Herrlich. Alle sitzen schweigend an Deck und genießen. Die 23 Seemeilen sind in zweieinhalb Stunden weggesegelt. Schade eigentlich. Und auch wieder nicht, denn in der Mastenbar im Compagnieshaven warten Lamm, Rotwein und Scotch. Das haben wir uns verdient. Das war ein heißer Ritt. Rundum zufrieden sitzen wir ausgeweht, glühend und grinsend beim Abendessen. Nächstes Jahr? Alle wieder dabei!

Der Sprung nach Monnickendam am nächsten Morgen ist Formsache. Der Vercharterer kommt an Bord, alles ist heil geblieben. Er fragt: „Und, nicht ausgelaufen bei 6 Beaufort“. Die ehrlich Antwort: „Nein“. Der Teil der Antwort, der fehlt: „Es war immer mehr…“.

 

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