Serie Fahren im Wattenmeer: Teil 5 – Strom optimal nutzen

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Das Watt. Wunderschöne Natur, tolle Ziele und eine navigatorische Herausforderung. Die ist aber nicht so schwierig, wie man denken mag. Stegfunk.de startet eine Serie von Tipps und Tricks zum Fahren auf dem Watt

In der letzten Woche sind wir nach Texel gefahren. Der Trip übers Watt hat Lust auf mehr Tidensegeln mit nie gesehener Fahrt über Grund gemacht. Weiter soll es nach Vlieland gehen. Doch wie, den Strom optimal nutzen? Wie gesagt läuft das Wasser bei Ebbe aus dem Watt ab in Richtung Englischer Kanal. Bei Flut geht es in die entgegengesetzte Richtung, also gen Deutsche Bucht. Mal angenmmen, es herrschen südliche Winde und das Schiff hat gut 2 Meter Tiefgang. Der Weg über das Flach in der Mitte am sogenannten Paardehoek ist dann schwierig, wenngleich möglich (mehr dazu nächste Woche!). Die Aussicht auf einen Schlag unter Genakker von fast 40 Meilen macht aber eine andere Alternative sehr reizvoll: Außen auf der Nordsee oberhalb der Inseln fahren. Da ist das Wasser immer tief genug und genug Platz zum setzen des bunten Tuchs ist auch. Kurzum: Ein Abstecher auf die Nordsee steht an.

Eine tolle Strecke: Außenrum von Texel nach Vlieland

Kenternde Tide nutzen

Der Plan sieht so aus: Mit ablaufendem Wasser bis zur Tonne SG (Wegpunkt 2) -der Weg durchs Molengat (bei Wegpunkt 1 schon nach Norden abdrehen) ist möglich, aber nur bei ruhigem Wetter und für Revierkundige, da es keine Lateralbetonnung gibt- und dann mit auflaufendem Wasser von der Tonne SG bis in den Hafen von Vlieland. Das ist ein Törn von gut 50 Seemeilen, bei dem jedoch die ganze Zeit der Strom mitläuft. Voraussetzung: Bei kenternder Tide sollten wir an der Tonne SG sein. Oder anders:

Wann muss ich losfahren, um beim Kentern der Tide bei Niedrigwasser an der Tonne SG zu sein?

Von Oudeschild bis zur Tonne sind es 12 Seemeilen. Dafür kalkulieren wir bei rund 1,5 Knoten Strom im Mittel und 5 Knoten Fahrt durchs Wasser 1:50h. Wann kentert der Strom an der SG? Aus dem Blick in die Stromkarten des HP 33 geht hervor, dass die Tide dort etwa 5 Stunden nach Hochwasser HARLINGEN (nicht Den Helder!) noch abläuft und 6 Stunden nach Hochwasser schon wieder aufläuft. Wir wählen die Mitte: 5,5 Stunden nach Hochwasser Harlingen wollen wir an der Tonne SG sein.

Angenommen, wir wollen den Törn am 5. März machen: Dann ist Hochwasser in Harlingen um 4:18 Uhr. 5,5 Stunden später ist es dann 9:48 Uhr. Das ist ideal, da nicht zu früh, aber früh genug, um noch bei Tageslicht anzukommen.

Hochwasser ist um 4:18 Uhr, 76 cm über NAP

Um rund halb zwölf sind wir dann an der Tonne SG. Hochwasser in Vlieland Hafen (um den geht es am Ende!) ist um 16:28 Uhr und das Wasser läuft nach Hochwasser noch ein wenig nach, sodass wir bis etwa 17 Uhr mit auflaufendem Wasser rechnen können. Von der Tonne SG bis in den Hafen von Vlieland sind es rund 40 Semeilen. Ein langes Stück für nur 5,5 Stunden mitlaufendes Wasser. Gut 7 Knoten Fahrt über Grund müssten wir schaffen. Mit südlichen Winden und Genakker sowie rund einem Knoten Schiebestrom im Mittel – bei Springtide sogar 1,5 Knoten-, ist das mit einem schnellen Schiff machbar. Auch Motoryachten können diese Reise durchaus in Angriff nehmen.

EDIT: Haben Sie es gemerkt? Hier hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen. Stegfunk.de-Leser Felix ist es aufgefallen. Natürlich wollen wir um 9:48 Uhr an der Tonne SG sein. Dazu müssen wir 1:50 Stunden vorher losfahren. Das war die Frage. Start also um 8:00 Uhr auf Texel, damit beim Kentern der Tide die Tonne erreicht wird. Von dort hat man dann die volle Flut lang Zeit, um bis Vlieland zu fahren. Das sind rund sieben Stunden. Für 40 Seemeilen bedeutet das eine erforderliche Fahrt über Grund von knapp sechs Knoten. Kein Problem bei einem Knoten Schiebestrom. Danke Felix fürs Mitrechnen! Eine Sache zeigt sich hier: Ideal ist, wenn eine zweite Person die eigenen Berechnungen kontrolliert, oder besser, wenn beide unabhängig voneinander rechnen. Kommt die selbe Abfahrtszeit heraus, prima. Wenn nicht, gilt es den grund der Abweichung zu suchen.

Die Hafeneinfahrt von Vlieland erreichen wir nahezu bei Stillwasser, sodass die berüchtigte seitliche Strömung nicht allzu stark laufen sollte. Aber auch dann wäre sie durchaus zu meistern. Der Tipp: Aus dem Strömungslee anfahren und gegen den Strom eindrehen und dann zunächst auf die Strömungsluvseite der Einfahrt zuhalten. Erst ganz zuletzt eindrehen. Dann klappt das. Am Hafen mietet man ein Fahrrad und erkundet die wunderschöne Insel. Bekannter Tourismusmagnet ist die Fahrt mit dem Vliehors Express.

Also: Viel Spaß auf der Nordsee und auf Vlieland. Achten Sie darauf, dass die Reise bei nördlichen Winden ebenfalls möglich, aber deutlich weniger komfortabel ist, da man sich dann oberhalb der Inseln an Leegerwal befindet, mit entsprechend hohen Wellen. Weht der Wind aus Süden, sind die Wellen sehr angenehm, da die Anlaufstrecke (Fetch) durch die Inseln verkürzt wird.

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